Der erste Gedanke, als er die Augen aufschlug, war: „Spooky.“ Da hingen Tannenzweige mit roten Kügelchen an der Wand – es konnte doch unmöglich Advent sein! War er nicht gerade erst am See gewesen?

Erinnerungen strömten auf ihn ein: Mädchen in Bikinis, das Lachen der Freunde, der Geruch von Sonnencreme und Schweiß … Und jetzt? Weihnachtsdeko. An der Wand. An welcher Wand? Die seines Zimmers war es schon mal nicht, da fehlten die Poster. Wo bin ich? Er setzte sich auf oder besser: Er versuchte es. Sein Oberkörper wog eine Tonne. Als er die Arme zum Abstützen nehmen wollte, gehorchten sie ihm nicht, sondern zitterten wie die eines sehr alten Mannes. Er sah an seinen Beinen herunter. Wie sehen die denn aus? What the f… Ein Laut kam aus seinem Mund – na wunderbar, wenigstens etwas hier funktionierte noch! Da begann er zu schreien.

Zwei Jahre verschlafen

Auf einmal war da eine Frau im Kittel und dann noch eine und schließlich seine Eltern und alle lachten und weinten und redeten durcheinander. Seine Eltern knutschten ihm ab und er war zu ermattet, um sich zu wehren, aber irgendwie war es ja auch süß, wie sie ihn feierten. Ein paar Tage später kamen Reporter von Zeitung, Radio und Fernsehen und nannten ihn ein Weihnachtswunder. Er war plötzlich voll fame, richtig berühmt!

Inzwischen wusste Philipp auch, wie es dazu gekommen war – er hatte verpennt, vor dem Köpfer in den See zu überprüfen, ob das Wasser auch tief genug wäre. Das war es nämlich nicht gewesen, und darum hatte er, Philipp, sich 3 Tage nach seinem 14. Geburtstag kopfüber von einem Felsen aus in den See gestürzt und war zweieinhalb Jahre später in einer fernen Spezialklinik wieder aufgewacht. Dass er lebte, wie er lebte – bei klarem Verstand – war medizinisch gesehen ein Wunder. Das mit dem Laufen würde er wieder lernen, sagte seine Ärztin.

„Oh, Bro“, versicherte ihm seine Zwillingsschwester Lina, „du hast so ein Glück. Als du gepennt hast, hast du echt null verpasst. Seit März 2020 …“ – „Lass doch, nicht zu viel auf einmal, überfordere ihn nicht“, säuselte Mama. „Jetzt wird’s erst mal richtig schön, denn nächste Woche ist Weihnachten! Und Philipp ist mit dabei! Was wünschst du dir denn? Wen sollen wir einladen? Was möchtest du essen?“ Philipp fragte sich, ob irgendein Alien wohl seine Mutter ausgetauscht hatte. Sie, die immer perfekte Fünf-Gänge-Menüs zusammenstellte, bei denen die Kinder niemals das kleinste Mitspracherecht hatten, ließ ihn entscheiden? Und sollte er sie diesmal tatsächlich davon abhalten können, ihn in die überfüllte Kirche mitzuschleppen?

Doch damit nicht genug: „Opa und Oma würde ich so gern wiedersehen“, fiel ihm spontan ein. „Aber die können Weihnachten ja nie, da ist im Hotel viel zu viel los.“ – „Nun … diesmal nicht, glaube ich“, meinte Mama mit einem feinen Lächeln.

Ein neues Zimmer

Bis er dann endlich nach Hause durfte, musste doch noch viel trainiert und untersucht und geregelt werden, und nach den Feiertagen würde Philipp erst mal in eine Rehaklinik fahren. Doch die Feiertage gehörten seiner Familie, ihm und seinen Freunden. Philipp freute sich grenzenlos. Er bedankte sich beim ganzen Klinikteam, ließ sich ins Auto setzen und festschnallen und verabschiedete sich. „Wir haben“, platzte seine Schwester heraus, „noch eine Überraschung für dich. Wir sind umgezogen.“ – „Aber warum?“ – „Das große Haus war Papa und Mama zu teu…“ – „Wir wollten nicht mehr so viele Zimmer heizen und in Ordnung halten müssen“, fiel Mama Lina betont fröhlich ins Wort. „Und du wolltest doch immer schon näher bei Jan wohnen“, ergänzte Papa. „Aber keine Sorge, dein Zimmer sieht fast genauso aus wie früher“. Kurz darauf fuhr er auf ein Mehrfamilienhaus mit großen Fenstern und einem adventlich dekorierten Vorgarten zu und parkte am Bürgersteig. „Praktischerweise“, ergänzte Mama, „leben wir jetzt im Erdgeschoss. Du musst keine Treppen laufen!“ Beide Eltern hievten ihn in den Rollstuhl und fuhren ihn in sein neues Zuhause.

Philipp schluckte: Es war schon ganz schön eng, verglichen mit dem, was er zuletzt sein Elternhaus genannt hatte. Sein Zimmer maß nur noch halb so viele Quadratmeter wie vorher. Das Gästezimmer fehlte ganz. Vom Wohnzimmer war eine Arbeitsecke abgetrennt worden, im Gang, im Bad, in der Küche, überall gab es weniger Platz. Aber sein Bett war immer noch sein Bett, und sein Kater rollte sich wie früher auf seinem Kopfkissen zusammen. Die Bettwäsche seines Lieblingsvereins leuchtete so schwarz-gelb wie eh und je und duftete so gut, wie er es kannte. Und er fühlte, dass er hier bestens schlafen würde.

Jan kam vorbei, wobei er eine komische Maske vor dem Gesicht hatte. „Ich bin erkältet“, nuschelte er. „Ja und, so ein Schnupfen bringt mich schon nicht um!“, rief Philipp. „Ein Schnupfen vielleicht nicht, aber … ach so, das weißt du sicher noch gar nicht, ist auch nicht so wichtig.“ Jan zeigte Philipp aus einem Stück Entfernung alle möglichen Handyfotos von den gemeinsamen Freunden. Wie erwachsen sie aussahen! Wie viele schon einen Freund oder eine Freundin hatten. „Ich bin aber noch Single“, verkündete Jan, „wir können also zusammen nach Mädels schauen, wenn wir beide wieder mehr raus dürfen. Wird nicht mehr lang dauern!“ Philipp konnte sich zwar nicht ganz vorstellen, was sein bester Freund damit meinte, aber er nickte. Und als Jan ihm dann die neuesten Lieblingssongs vorspielte und alles über die angesagten neuen Stars und Serien erzählte, war ihm der Rest auch egal.

Gemüsestäbchen zum Kartoffelsalat

Heiligabend begann wie immer und doch auch anders. Wie immer war, dass es schon nach Essen duftete, als Philipp erwachte und dass Papa zum Frühstück frische Semmeln geholt hatte. Ungewohnt mutete an, dass an diesem Tage niemand in der Familie arbeitete und dass auch Oma und Opa mit ihnen feiern würden. Ebenfalls gewöhnungsbedürftig: Die Tanne vom Rollstuhl aus zu schmücken. Nächstes Jahr, schwor sich Philipp, stehe ich wieder auf eigenen Beinen! Den ganzen Tag über wurde erzählt, ferngeguckt, Musik gehört, dekoriert und gelacht. Heute gab es nur Philipps Lieblingsessen: Wienerle mit Kartoffelsalat – für die Vegetarier in der Familie mit Gemüsestäbchen statt der Würste.  Abends Königinpastetchen mit Pilzfüllung, Gulasch mit und ohne Fleisch an Klößen und zum Nachtisch Mousse au Chocolat. Philipp benötigte noch etwas Hilfe beim Essen, fand aber, dass es schon echt gut funktionierte. Man trank Wasser, Cola und Saftschorle, denn den Champagner vertrug Oma nicht mehr, und darum verzichteten alle. Auch bei den Geschenken war Bescheidenheit angesagt, Eltern, Großeltern und Lina hatten sich offensichtlich auf nützliche Dinge geeinigt – Bücher, Pullis, Schreibwaren.

Der Einzige, der ein besonderes Weihnachtsgeschenk erhielt, war Philipp. „Ein Laptop!“, rief er und konnte sein Glück kaum fassen. „Wow, danke!“ – „Wirst du für die Schule brauchen!“, rief Lina, „ich hab‘ meinen schon seit vorletztem Sommer!“ – „Rede bitte nicht von der Schule, auf die hab‘ ich so was von keinen Bock“, seufzte Philipp. „Die wirst du schon noch vermissen, wenn du erst mal lang genug von zuhause aus gelernt hast“, lachte seine Zwillingsschwester. „Wieso sollte ich das tun und nicht einfach hinfahren?“, fragte Philipp. „Weil seit 2020 eben alles anders ist!“ – „Ja, und? 2020 habe ich verschlafen. Erzählt mir endlich, was damals passiert ist, ich habe doch keine Ahnung!“ – Da seufzte Mama. Papa fuhr sich durchs Haar. Oma sah Opa an. Und dann begann einer nach dem anderen zu erzählen.

„Wofür so eine Pandemie doch gut ist!“

Während Philipp geschlafen und sein Körper Stück für Stück Verletzungen repariert hatte, war offenbar ein tödlicher Virus um die Welt gewandert. Er hatte Millionen aus dem Leben gerissen – auch einen von seinen Lehrern, zwei Mitschüler und vier Nachbarn. Philipp hörte zum ersten Mal von der ersten, zweiten und dritten Welle. Von schließenden Hotels, Restaurants und anderen Unternehmen. Von überquellenden Krankenhäusern und Menschen, die sich nicht mehr vor die Tür trauten.

Ab Ende des Jahres dann kamen Impfungen sowie neue Medikamente, und das Virus geriet langsam, aber doch immer besser unter Kontrolle. „Nächsten Sommer“, prognostizierte sein Papa, „wird es wieder fast normal sein. Wir könnten sogar in den Urlaub fliegen, wenn wir vorher genug sparen. Aber das schaffen wir auch noch, nach allem anderen!“ Philipp erfuhr: Mama und Papa hatten erst seinetwegen, dann der Pandemie wegen kaum in ihren Berufen arbeiten können und darum so wenig verdient, dass sie das Haus verkaufen mussten. Seine Großeltern hatten das Hotel nicht halten können. Oma war vor lauter Sorge ganz krank geworden und ihre Versuche, die Sorgen mit Whisky hinunterzuspülen, endeten in einer Suchtklinik. Aber nun war sie wieder guter Dinge. So lernte sie jetzt, mit 58, einen neuen Beruf. „Ich werde Podologin und kümmere mich um die Füße kranker Menschen“, berichtete Oma fröhlich. „An deinen konnte ich schon zu üben anfangen, während du schliefst. Das ist ein Beruf mit Zukunft.“

Philipp schwirrte der Kopf. Zu viel Neues auf einmal! Da hörte er neben sich ein Maunzen, dann fühlte er etwas Weiches – und mit einem Satz war der Kater an ihm hochgesprungen und rollte sich auf seinem Schoß zusammen. Philipp atmete tief durch. Er kraulte durch das weiche Fell, lauschte dem Schnurren seines Lieblingstiers und wusste nun, was ihm auf dem Herzen lag. „Das … sind ganz schön viele Veränderungen auf einmal“, meinte er. „Da haben wir ja alle noch viel vor uns. Doch eins finde ich wirklich schön. Eine Sache ist für mich wie ein Weihnachtswunder.“ Die anderen sahen ihn mit großen Augen an.

„Na, ist doch ganz logisch“, fuhr Philipp fort. „Es ist Heiligabend, kurz vor zehn, und wir haben uns noch kein einziges Mal gestritten.“ – „Wofür so Pandemien doch gut sein können“, meinte Opa und hob sein Glas. Und so friedlich, wie der Tag begonnen hatte, so ging er auch zu Ende. Petra Plaum, 21.12.2020

Mit dieser Weihnachtskurzgeschichte wünschen wir Ihnen gemütliche, genussreiche, großartige Weihnachtstage. Mögen Ihre wichtigsten Wünsche in Erfüllung gehen! Ihr Redaktionsteam der Podologie und Podologie Praxis