Schon vor mehr als 3.500 Jahren versuchten Menschen, schmerzhafte Hühneraugen zu behandeln. Ein Blick auf die Geschichte der Clavi-Behandlung zeigt, welche Methoden tatsächlich wirkten – und welche eher dem Volksglauben zuzurechnen sind.
Rund, kegelförmig, abgesetzter Rand – tatsächlich erinnert ein Clavus ein wenig an das Auge eines Huhns. Der deutsche Begriff Hühnerauge erscheint darum keineswegs weit hergeholt. Der medizinische Begriff Clavus stammt hingegen aus dem Lateinischen und lässt sich mit „Nagel“ übersetzen.
Bereits der Papyrus Ebers, eines der ältesten erhaltenen medizinischen Werke aus dem 16. Jahrhundert v. Chr., erwähnt Hühneraugen und deren Behandlung mit speziell hergestellten Pflastern. In einigen Werken wird die Entstehung von Clavi mit der Verbreitung festen Schuhwerks und bestimmter Schuhformen in Verbindung gebracht, durch die zusätzliche Druck- und Reibungsstellen entstanden. Grundsätzlich entwickelt sich ein Hühnerauge durch starke Beanspruchung der Haut, in den meisten Fällen durch dauerhaften Druck oder Reibung. Die harte Hornhaut bildet einen kegelförmigen Kern, der in tiefere Hautschichten drückt und Schmerzen verursacht. Welche Mittel, Anwendungen, Gerätschaften und Rituale dabei zum Einsatz kamen und wie sich die Behandlung von Hühneraugen bis heute entwickelt hat, beleuchtet dieser Beitrag.
Behandlungsmethoden der Antike
Ein bekannter Gelehrter der Antike, der sich mit Hühneraugen beschäftigte und deren vollständige Entfernung empfahl, ist Hippokrates (460–377 v. Chr.). Ihm wird die Entwicklung spezieller Hautschaber zugeschrieben, mit denen Hornhaut und Hühneraugen mechanisch abgetragen wurden. Auch Autoren wie Gaius Plinius Secundus (23–79 n. Chr.) und Marcellus Empiricus (4. bis 5. Jahrhundert n. Chr.) beschrieben verhornte Hautveränderungen und deren Behandlung.
Im alten Ägypten sowie später bei den Griechen und Römern gab es verschiedene Ansätze zur Behandlung verhornter Hautstellen. Zu den typischen Methoden zählten
• das Auftragen von Rindertalg oder pulverisiertem Weihrauch,
• das Einweichen der Füße in warmem Wasser oder Wein,
• das Abschaben der Hornhaut mit Bimsstein,
• das Ausschneiden verhornter Hautareale mit kleinen Messern
• sowie die Anwendung von Kräuterauflagen und Pasten mit Essig, Arsen, Quecksilber, Feigen oder Harzen.
Die Wirkung vieler verwendeter Auflagen und Pasten beruhte vermutlich auf ihrem hautreizenden oder hornhautauflockernden Effekt. So enthält der weiße Milchsaft unreifer Feigen, der auf die Haut geträufelt wurde, beispielsweise Enzyme und reizende Stoffe, die die Haut angreifen können. Ähnliche Anwendungen gab es auch gegen Warzen. Der griechische Arzt Dioskurides (Verfasser des Standardwerks „De Materia Medica“) beschrieb im 1. Jahrhundert n. Chr. Anwendungen von Weidenbestandteilen – zerstoßene Rinde oder die Asche verbrannter Weide – gegen verhornte Hautstellen. Medizinhistoriker sehen darin frühe Hinweise auf die Nutzung salicylathaltiger Pflanzen gegen verhornte Hautveränderungen. Denn Weidenbestandteile enthalten natürliche Salicylate, die chemisch mit der modernen Salicylsäure verwandt sind.
Mittelalterliche Praktiken und frühe Hausmittel
Nach dem Ende der Antike blieb die Behandlung von Hühneraugen über Jahrhunderte von überlieferten Heilmethoden, pflanzlichen Anwendungen und handwerklichen Eingriffen geprägt. Viele Verfahren zielten darauf ab, die verhornte Haut aufzuweichen oder den Hornhautkegel zu entfernen. Der persische Universalgelehrte Rhazes (um 865–925) beschrieb beispielsweise Pasten aus Arsen, Quecksilber und Ätzkalk, vermischt mit Öl und Eichelasche. Nach damaliger Vorstellung sollten diese Mischungen überschüssige Hornhaut auflösen oder ablösen.
Daneben kamen zahlreiche Hausmittel zum Einsatz. Verwendet wurden unter anderem Tierfette und Kräutersalben, beispielsweise Gänsefett, Schweineschmalz, Kräuteröle, Harze oder Honigauflagen, die die Haut geschmeidig halten und Entzündungen vorbeugen sollten.
Später verbreiteten sich weitere Anwendungen wie Knoblauch- und Zwiebelauflagen. Zerdrückter Knoblauch wurde über Nacht auf das Hühnerauge gebunden. Die enthaltenen schwefelhaltigen Verbindungen wirken hautreizend, können jedoch auch Verätzungen verursachen. Zwiebeln wurden halbiert, in Essig eingelegt und anschließend ebenfalls auf das Hühnerauge gebunden. Auch in Essig getränktes Brot wurde als Umschlag verwendet. Diese Verfahren gehörten zu den bekanntesten europäischen Hausmitteln gegen Clavi.
Neben solchen Anwendungen wurden Hühneraugen häufig mechanisch behandelt. Zu den verbreiteten Methoden zählten das Einweichen der Füße in heißen Kräuterbädern, das Ausschneiden mit scharfen Gegenständen oder sogar das Ausbrennen mit Metallspitzen. Aufgrund mangelnder Hygienestandards führten diese Eingriffe jedoch nicht selten zu Infektionen.
In manchen Regionen glaubte man zudem, ein Hühnerauge durch das Umbinden eines Fadens oder durch symbolische Rituale entfernen zu können. Solche Vorstellungen hielten sich über Jahrhunderte und zeigen, dass die Behandlung von Hühneraugen lange Zeit nicht nur medizinisch, sondern auch volkskundlich geprägt war.
Von der Hausbehandlung zur professionellen Fußpflege
Mit der zunehmenden Verbreitung festen Schuhwerks entwickelte sich das Hühnerauge im 17. und 18. Jahrhundert zu einem weit verbreiteten Leiden. Gleichzeitig entstanden erste spezialisierte Berufsgruppen, die sich der Behandlung von Hühneraugen widmeten. Vor allem in Großbritannien und Frankreich boten sogenannte „Corn Doctors“ ihre Dienste an. Sie entfernten Hühneraugen mit feinen Stahlklingen, verkauften Salben und Pflaster und veröffentlichten Ratgeber zum Thema. Im Laufe des 17. Jahrhunderts entwickelte sich das Hühneraugenstechen zu einem lukrativen Gewerbe.
Auch die Fußpflege begann sich zunehmend zu professionalisieren; ihre Entwicklung in Deutschland war stark von Einflüssen aus Frankreich und Großbritannien geprägt. In Frankreich veröffentlichte Rousselot 1762 das Werk „Pédicure“. Der Chiropodist Nicolas-Laurent Laforest stellte 1782 sein Instrumentarium vor, darunter verschiedene Skalpellformen, die modernen Instrumenten bereits ähnelten. Als wichtiger Meilenstein gilt zudem das Werk „Chiropodologia“ aus dem Jahr 1785. Da die Fußpflege keinem Innungszwang unterlag, konnten sich entsprechende Tätigkeiten vergleichsweise frei entwickeln.
Im 19. Jahrhundert rückte zunehmend die Druckentlastung in den Fokus der Behandlung. Der Österreicher Sigmund Wolffsohn erhielt 1835 ein Patent auf eine Fußentlastung aus präpariertem Feuerschwamm, der mit Gummi bestrichen und mit Seide überzogen wurde. Um 1900 wurde schließlich der Filzring eingeführt – ein Vorläufer moderner Druckentlastungstechniken.
Zudem finden sich in europäischen Volkskundesammlungen des 19. Jahrhunderts Beschreibungen einiger kurioser Methoden zur Entfernung von Hühneraugen: Man sollte das Hühnerauge mit einer Schnecke berühren und die Schnecke anschließend vergraben, Kartoffelscheiben unter dem Bett trocknen lassen, das Leiden „an den Mond abgeben“ oder das Hühnerauge von einem Heiler besprechen lassen.
Entwicklung der modernen Podologie im 20. Jahrhundert
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts veränderten neue medizinische Erkenntnisse und verbesserte Hygienestandards podologische Behandlungen im Allgemeinen und die Behandlung von Hühneraugen im Speziellen grundlegend. Aus der klassischen Fußpflege entwickelte sich schrittweise die moderne Podologie als eigenständiger Heilberuf.
Die Behandlung von Clavi erfolgte nun zunehmend evidenzorientiert und interdisziplinär. Besonders die Erkenntnis, dass Clavi primär Folge chronischer Druck- und Scherkräfte sind, veränderte die therapeutische Strategie nachhaltig. Nicht mehr allein die Entfernung der Hyperkeratose stand im Mittelpunkt, sondern die Beseitigung ihrer Ursache. In diesem Kontext etablierten sich keratolytische Wirkstoffe wie Salicylsäure als feste Bestandteile der Clavi-Behandlung. Sie erleichtern das Ablösen verhornter Hautschichten und werden bis heute in verschiedenen Präparaten eingesetzt.
Heute gilt der Clavus als multifaktorielles Beschwerdebild mit mechanischer, orthopädischer und dermatologischer Relevanz. Moderne Behandlungskonzepte kombinieren atraumatische Abtragungstechniken mit Maßnahmen zur Druckumverteilung, einer individuellen Schuhberatung, der Versorgung von Zehenfehlstellungen sowie präventiven Strategien zur Vermeidung von Rezidiven. Insbesondere bei Risikopatienten – etwa Menschen mit Diabetes mellitus oder peripherer Neuropathie – besitzt die fachgerechte podologische Versorgung eine hohe Bedeutung.
Daniela Graf
Foto: KI-generiert
Von damals bis heute: Wie die moderne Clavi-Behandlung aussieht, erfahren Sie im Fachteil der Ausgabe 7–8/2026.
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