Der Prävention sollte im gesamten Gesundheitswesen meiner Meinung nach ein viel größerer Stellenwert eingeräumt werden. Leider sieht das System häufig zuerst die Kosten und weniger den langfristigen Nutzen. Das zeigt sich auch in der Podologie.
In unserer Ausbildung werden wir in erster Linie darauf vorbereitet, kranke Füße zu behandeln. Für Prävention und Rehabilitation sind in der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung gerade einmal 30 Unterrichtsstunden vorgesehen. Das halte ich für deutlich zu wenig. Hinzu kommt, dass diese Inhalte an manchen Schulen aufgrund fehlenden qualifizierten Lehrpersonals nur eingeschränkt vermittelt werden.
Auch in meinen Anfängen im Beruf – mittlerweile arbeite ich seit 31 Jahren mit Füßen, davon knapp 20 Jahre als Podologin – war für Prävention kaum Platz. Der Kostendruck in einer podologischen Kassenpraxis war schon immer hoch. Wir schneiden Nägel, entfernen Hornhaut, behandeln Clavi, versorgen den Unguis incarnatus mit einer Nagelkorrekturspange und schicken Patientinnen und Patienten mit schmerzhaftem Hallux valgus oder Hammerzehen zur Fußchirurgie. Dabei wusste schon Christoph Wilhelm Hufeland: „Vorbeugen ist besser als Heilen.“
Für uns Podologinnen und Podologen bedeutet Prävention, die Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen, warum Menschen überhaupt kranke Füße bekommen. Besonders deutlich wird das beim diabetischen Fußsyndrom. In Deutschland leben mittlerweile rund neun Millionen Menschen mit Diabetes, viele weitere wissen noch gar nichts von ihrer Erkrankung. Häufig kommen Betroffene erst dann in die podologische Praxis, wenn bereits Schmerzen oder Wunden bestehen. Dabei hören wir immer wieder: „Der Arzt hat sich meine Füße gar nicht angeschaut.“ Wir dagegen schauen genau hin. Wir untersuchen die Füße, beurteilen Haut und Nägel, achten auf Schuhe und Strümpfe und erkennen häufig Veränderungen, die Anlass für eine frühzeitige Beratung oder eine weiterführende ärztliche Abklärung geben können.
Ähnlich verhält es sich beim Unguis incarnatus. Ein fachgerechter Nagelschnitt, passendes Schuhwerk und geeignete Strümpfe gehören zu den wichtigsten präventiven Maßnahmen. Auch Zehendeformitäten können das Einwachsen von Nägeln begünstigen. Dieses Krankheitsbild betrifft nicht nur Menschen mit Diabetes, sondern auch viele Kinder, Jugendliche und ansonsten gesunde Erwachsene.
Wissen vermitteln
Immer wieder stelle ich fest, dass vielen Menschen grundlegendes Wissen über Fußgesundheit fehlt. Welches Schuhwerk ist wirklich geeignet? Woran erkenne ich die richtige Schuhgröße? Warum entstehen Zehendeformitäten? Und welche Folgen hat es, wenn Füße den ganzen Tag im Schuh stecken? Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.
Natürlich hat sich der Praxisalltag nicht grundlegend verändert. Doch die Zahl der Patientinnen und Patienten nimmt zu, gleichzeitig fehlen vielerorts Podologinnen und Podologen. Umso wichtiger ist es, jede Behandlung auch als Chance zur Prävention zu nutzen.
Für mich beginnt Prävention nicht erst mit einer Diagnose oder einer Verordnung, sondern mit den ersten Schritten eines Kindes. Braucht ein Kleinkind überhaupt schon Schuhe? Eher nicht. Das Thema Schuhe zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Entwicklung. Im Schulalter kommt häufig Bewegungsmangel hinzu, später ungeeignetes Schuhwerk. Viele Deformitäten, die wir im Erwachsenenalter behandeln, entwickeln sich über Jahre hinweg.
Prävention konsequent fördern
Wenn Prävention in unserer Branche einen höheren Stellenwert hätte, könnten viele Probleme vermieden oder zumindest deutlich vermindert werden. Aus meiner Sicht gehören Aufklärung über die Anatomie des Fußes, geeignetes Schuhwerk, natürliche Bewegung und die richtige Fußpflege in Kindergärten und Schulen genauso selbstverständlich dazu wie die frühzeitige Beratung von Menschen mit Diabetes zu Fußpflege, Schuhwerk und Bewegung.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, werden wir nicht müde, unsere Patientinnen und Patienten immer wieder anzuleiten und Zusammenhänge zu erklären. Schauen wir auch auf unsere eigenen Füße und geben wir der Prävention den Stellenwert, den sie verdient. Vielleicht nimmt der eine oder die andere Prävention sogar bewusst in das eigene Praxisangebot auf. Es lohnt sich – für unsere Patientinnen und Patienten ebenso wie für unseren Berufsstand.
Claudia Scholz
Foto: stock.adobe.com – S.Kobold
Der Beitrag ist in Ausgabe 9/2026 der Podologie erschienen. Im Schwerpunkt dreht sich diesmal alles um Unguis incarnatus und Spangentherapie. Weitere Themen und Inhalte finden Sie in unserer aktuellen Ausgabe.








