Nicht nur diejenigen, die für ihren Beruf brennen, können ein Burnout erleiden. Und längst nicht immer ist chronische Arbeitsüberlastung allein für einen „leeren Akku“ verantwortlich.
Mit 35 Jahren gab der Politiker Kevin Kühnert, damals Mitglied des Bundestages, bekannt, dass er erschöpft sei und sich eine Auszeit nehmen müsse. Die britische Allgemeinärztin und Neurowissenschaftlerin Dr. Claire Ashley ist sogar schon zweimal in den Zustand totalen Ausgebranntseins geraten und schrieb später das Buch „Goodbye Burnout“ (auch in deutscher Übersetzung zu haben). Jan Gerber, Gründer der Züricher Luxus-Burnout-Klinik Paracelsus Recovery, machte Ende letzten Jahres öffentlich, dass er selbst ein schweres Burnout erlitten hat.
Ein Burnout ist kein Schicksalsschlag
Das englische Wort „to burn out“ bedeutet „ausbrennen“. Ein Burnout, also der Zustand des „Nichts geht mehr“, entwickelt sich nicht in Tagen oder Wochen. Es ist ein schleichender Prozess, der sich oft über Monate oder sogar Jahre hinzieht. Das Tückische: Die ersten Warnzeichen werden von den Betroffenen fast immer übersehen oder als „normale Stressphase“ abgetan. Deshalb geraten viele Menschen unnötig tief in die Antriebs- und Kraftlosigkeit.
Innerhalb der letzten fünf Jahre hat es einen massiven Anstieg von Burnout-Fällen gegeben: Nach Daten der KKH Kaufmännischen Krankenkasse entfielen zuletzt 107,3 Fehltage je 1.000 erwerbstätige Mitglieder allein auf die Diagnose Burnout. Das ist ein Plus von 33 Prozent.
Den Begriff Burnout prägte der New Yorker Psychoanalytiker Herbert Freudenberger schon vor gut 50 Jahren. Er beschrieb damit den Zustand totaler emotionaler und körperlicher Erschöpfung. Er hatte beobachtet, dass manche Menschen irgendwann derart ausgelaugt sind, dass ihnen selbst eine Phase der Ruhe keine Kraft zurückbringt. Das Phänomen hatte er zunächst vor allem bei stark engagierten und idealistischen Menschen in sozialen oder helfenden Berufsgruppen wie Medizin, Pflege und Sozialarbeit beobachtet. Inzwischen wird der Begriff auch für andere Tätigkeitsgruppen sowie für den privaten Bereich (zum Beispiel bei pflegenden Angehörigen) verwendet.
In den 1970er und -80er Jahren waren manche Menschen einfach nur froh, ein Wort für ihre komplette Antriebslosigkeit gefunden zu haben. Dem Verdacht, „depressiv“ zu sein, wollte sich niemand aussetzen. Die in einigen Punkten sehr ähnlichen Depressionen verschwieg man damals noch, die gesellschaftlichen Stigmatisierungen und Diskriminierungen waren zu stark. Ein Burnout dagegen war nicht nur vorzeigbar, sondern schon fast so etwas wie ein Ritterschlag. Burnout bekommen nur die Fleißigen und Erfolgreichen – so zumindest die damalige Vorstellung –, während die Labilen und Willensschwachen, die sich hängen lassen, eher in Depressionen rutschen.
Was treibt einen Menschen ins Burnout?
Fest steht: Ein Burnout entwickelt sich nicht generell durch zu viel Arbeit. Manche Menschen bewältigen über lange Zeit 14-Stunden-Tage, ohne auszubrennen, während andere in einer Teilzeitbeschäftigung an ihre Belastungsgrenzen stoßen. Diese Beobachtung sollte man erst einmal ohne Wertung so stehen lassen.
Natürlich gibt es Bedingungen, die ein Burnout begünstigen, wie etwa der Druck durch gesetzliche Vorgaben, Personalmangel, ständige Spannungen mit Kolleginnen oder Kollegen oder permanent steigende Kosten. Doch auch die inneren Stressoren spielen häufig eine große Rolle. Jeder Mensch hat solche Antreiber, die ihm im Elternhaus in bester Absicht vermittelt worden sind („Streng dich an!“, „Pass auf, dass du keinen Fehler machst“, „Sei immer freundlich und hilfsbereit“ usw.) und die im späteren Leben nicht selten verstärkt werden.
All diese erzieherischen Leitsätze und Botschaften sollen zum Gelingen des Lebens und zum guten Miteinander mit anderen Menschen verhelfen. Kinder verinnerlichen diese Sätze aber so stark, dass sie später wie eine Kontrollinstanz im Denken und Handeln weiterwirken und zu übermäßigem Leistungsdruck, zu Versagensängsten oder zum Nicht-Nein-Sagen-Können führen können. Burnout-gefährdet ist man dann, wenn man zu weit von dem entfernt ist, was man eigentlich selbst möchte. Wenn man sich getrieben fühlt, statt aktiv aus sich heraus etwas bewegen zu können.
Mit einem Denkmuster wie etwa „Sei nicht egoistisch, zeige Mitgefühl“ wirkt man sehr empathisch und gewinnt sicher schnell alle Herzen. Aber dieser Leitsatz darf nicht das ganze Leben dominieren. Solche Maximen zu durchschauen, kritisch zu hinterfragen und, wo nötig, neue Glaubenssätze für sich zu formulieren, braucht zwar viel Energie und Veränderungswillen, nimmt aber eine riesige Last von den Schultern.
Wie spürt man, dass alles zu viel wird?
Gerade Menschen, die in heilenden und helfenden Berufen tätig sind, haben oft innere Antreiber, die zu einer chronischen Überforderung beitragen. Es gibt sehr viele unterschiedliche Symptome, die auf einen drohenden Burnout hindeuten können.
Besonders häufig:
- Ein- und Durchschlafstörungen
- Verdauungsbeschwerden
- spannungsbedingte Kopf-, Rücken- und Nackenschmerzen
- chronische Müdigkeit
- Konzentrationsprobleme
- Gereiztheit
- wachsende Freudlosigkeit sowohl im Beruf als auch im Privatleben
- für Treffen mit Familie oder Freunden fehlt oft die Energie
- Auftanken durch Yoga, (Wellness-)Wochenenden oder Urlaub funktioniert nicht mehr
- wachsender Bedarf an Kaffee, Energy-Drinks oder Zucker tagsüber und Alkohol, Nikotin oder Beruhigungstabletten am Abend
- ein Gefühl von „Akku leer“
- manchmal zynische, distanzierte oder gefühlslose Haltung
- jeder neue Tag erscheint wie ein Riesenberg, der mit letzter Kraft bezwungen werden soll
- „Sonntags-Angst“: ab Sonntagmittag oder -nachmittag sinkt die Stimmung, und Unbehagen, Magendrücken oder Widerwillen gegen die bevorstehende Arbeitswoche machen sich breit u. v. m.
Viele Menschen wollen es lange nicht wahrhaben, dass sie sich einem Burnout nähern. Sie klagen zwar über ein massives Überforderungsgefühl („Mir war schon zu viel, aus dem Haus zu gehen und einzukaufen“), schieben ihre Kraftlosigkeit aber auf die Umstände – von Wetter bis Weltlage. Wichtig zu wissen: Ein unentdecktes, ignoriertes Burnout kann sich schleichend zu einer Depression entwickeln. Einige Krankenkassen (z. B. TK, AOK) bieten zur ersten Orientierung Online-Fragebögen an, die zur unverbindlichen Selbstanamnese dienen, um den Grad an Erschöpfung oder Überlastung einschätzen zu können.
Gibt es Burnout-Persönlichkeiten?
Bestimmte Wesenstypen müssen Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten besonders im Auge haben, denn sie sind deutlich anfälliger für ein Burnout-Syndrom als andere. Trifft ein anfälliger Wesenstyp auf ein stark belastendes Arbeitsumfeld, ist das Burnout-Risiko besonders hoch.
Zu den anfälligsten Wesenstypen gehören:
- Perfektionistische Personen: Sie definieren ihren Selbstwert fast ausschließlich über fehlerfreie, herausragende Leistungen. Sie haben ein starkes Pflichtbewusstsein, können schlecht delegieren und neigen dazu, sich selbst auszubeuten. Misserfolge wirken in ihnen lange nach.
- Helfende (altruistische) Personen: Sie neigen mit ihrer extrem hohen Empathie dazu, die Bedürfnisse anderer mehr zu erspüren als die eigenen. Sie können schlecht „Nein“ sagen, eigene Meinungen vertreten und um Unterstützung bitten.
- Harmoniebedürftige, konfliktvermeidende Personen: Sie „schlucken“ Ärger, Frust und Überlastung „runter“ anstatt Grenzen zu setzen. Mit Stress versuchen sie allein fertig zu werden, statt Hilfe anzufordern. Die Sorge, jemanden zu belasten oder es mit jemandem zu verderben, bewirkt eine chronische innere Anspannung.
- Kontrollierende, sicherheitsbedürftige Personen: Sie nehmen unvorhersehbare Änderungen oder spontane Ereignisse in ihrer festen Tagesstruktur als Bedrohung wahr und investieren immense Energien, um alles im Griff zu behalten. Sie neigen dazu, sich über „ungelegte Eier“ Sorgen zu machen.
Muster erkennen, Verhalten ändern
Viele Burnout-Behandlungen scheitern daran, dass die Ursache nicht behoben wird. Burnout kann man nicht durch Ausruhen heilen. Während die Betroffenen sich nach einer Ruhephase oft kurzzeitig besser fühlen, laufen sie anschließend immer wieder in die Erschöpfungsfalle.
Leider ist es nicht so einfach, vom Erkennen eines ungünstigen Denk- und Verhaltensmusters zu nachhaltiger Veränderung zu gelangen. Der Weg führt über einen anstrengenden Prozess der Selbstreflexion zur schrittweisen Verhaltensänderung.
Zunächst hilft es, sich klarzumachen, wie sich eine solche Veränderung vollzieht:
- Beobachten und Bewusstwerden: Wer seine spontanen Gedanken und Handlungen hin und wieder aus der „Vogelperspektive“ beobachtet, ertappt seine inneren Antreiber (z. B. „Ich darf mich nicht beschweren, sonst bin ich die Böse“).
- Innehalten: Stopptaste drücken und erstmal eine Pause machen zwischen dem antreibenden Gedanken und der gewohnten Reaktion.
- Hinterfragen: den Gedanken nüchtern und möglichst distanziert auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen („Sind alle, die sich beschweren, wirklich immer die Bösen?“ „Werden alle, die sich beschweren, in Zukunft gemieden?“).
- Ausprobieren: bewusst andere Verhaltens- und Reaktionsweisen testen, um neue Erfahrungen zu machen und mit der Zeit zu erkennen, wie blockierend alte Glaubenssätze sind und wie befreiend es sein kann, sich von inneren Zwängen zu lösen und authentisch man selbst zu sein.
Nicht immer gelingt es aber, ohne professionelle Hilfe die negativen Gedankenspiralen zu bändigen, da sie sich oft wie tiefsitzende Reflexe zu Wort melden. Zudem beeinträchtigen die eingefahrenen emotionalen Muster den Schlaf, die Arbeit oder die Beziehungen schon so stark, dass die Kraft zur Veränderung fehlt.
Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit einer Kassenzulassung müssen wöchentlich sogenannte psychotherapeutische Sprechstunden anbieten. Sie dienen als niedrigschwellige Erstgespräche, in denen abgeklärt wird, ob eine ambulante Psychotherapie notwendig ist oder ob andere therapeutische Angebote genutzt werden sollten.
Dorothea Kammerer
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Foto: KI-generiert








