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Ganganalyse: Funktionelle Zusammenhänge erkennen

Moderne Ganganalysen liefern objektive Informationen über Bewegungsmuster im Alltag. Richtig eingesetzt, können sie die klinische Untersuchung sinnvoll ergänzen und neue Hinweise auf funktionelle Ursachen muskuloskelettaler Beschwerden geben.

Beschwerden des Bewegungsapparates sind häufig ein Grund für den Besuch einer hausärztlichen, orthopädischen oder physiotherapeutischen Praxis. Dort gelingt es jedoch oft nicht, die Ursache von Knie-, Hüft- oder Rückenschmerzen zweifelsfrei zu bestimmen. Das liegt unter anderem daran, dass sich die Schmerzen nicht unbedingt an der Körperregion bemerkbar machen, an der sie entstehen. Funktionelle Dysbalancen oder Veränderungen können sich entlang der gesamten Bewegungskette auswirken und Beschwerden an anderer Stelle hervorrufen.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die digitale Ganganalyse zunehmend an Bedeutung. Sie ermöglicht eine objektive Erfassung des Bewegungsverhaltens. Damit ergänzt sie die klinische Untersuchung um funktionelle Informationen, die mit einer statischen Betrachtung des Fußes allein häufig nicht erfasst werden können. Insbesondere die Analyse unter Alltagsbedingungen eröffnet zusätzliche Möglichkeiten, Zusammenhänge zwischen Fußfunktion, Schuhwerk und Beschwerden des Bewegungsapparates besser zu verstehen.

Im Mittelpunkt dieses Beitrags steht das sensorbasierte Ganganalysesystem EVERSION. Es erfasst Bewegungsmuster im Alltag und soll funktionelle Zusammenhänge zwischen Schuhwerk, Gangbild und muskuloskelettalen Beschwerden sichtbar machen.

Der Mensch als funktionelles Gesamtsystem

Muskuloskelettale Beschwerden werden häufig mit zunehmendem Alter, Übergewicht oder Bewegungsmangel erklärt. Diese Faktoren können zwar einen Einfluss haben, erklären jedoch nicht jedes Problem. Schließlich können auch junge, normalgewichtige und körperlich aktive Menschen vergleichbare Beschwerden entwickeln. Die Ursachen lassen sich daher nicht immer allein auf die genannten Faktoren reduzieren. Auch veränderte Bewegungsmuster können ursächlich für Beschwerden sein. Ziel einer Ganganalyse ist es, dynamische Abläufe ganzheitlich zu betrachten und so mögliche Zusammenhänge zwischen Bewegungsmuster und Beschwerdebild aufzudecken.

Schuhwerk als Einflussfaktor

Eine mögliche Ursache veränderter Bewegungsmuster ist das Schuhwerk. Während barfuß die Kräfte zwischen Körper und Untergrund weitgehend senkrecht übertragen werden, verändert ein Schuh die Oberfläche, auf der wir stehen und gehen. Dadurch kann sich auch die Kraftübertragung im Bewegungsapparat verändern. Bereits geringe Abweichungen, die bei jedem Schritt auftreten, können sich langfristig auf Statik und Bewegungsmuster auswirken. Im Fokus stehen dabei drei Eigenschaften moderner Schuhe: die Schuhgröße, die Balligkeit des Vorfußbereichs sowie die Geometrie der Schuhsohle.

Ausreichend Platz für die Zehen

Eine passende Schuhgröße bildet die Grundlage für eine physiologische Fußfunktion. Zwischen längster Zehe und Schuhspitze sollte etwa ein Zentimeter Platz verbleiben. Ist dieser Abstand geringer, stößt die Großzehe während der Abrollbewegung wiederholt an die Schuhspitze. Der Fuß reagiert darauf häufig mit unbewussten Ausweichbewegungen, wodurch sich das Gangbild verändern kann.

Bei der Ermittlung der Schuhgröße sollte berücksichtigt werden, dass sich das Längsgewölbe der Füße auf längeren Gehstrecken absenkt und sich die Füße dadurch verlängern. Zudem kann sich die Fußlänge im Laufe des Lebens verändern, sodass die Schuhgröße regelmäßig überprüft werden sollte. Nicht selten werden Schuhe über viele Jahre in derselben Größe gekauft, obwohl der tatsächlich benötigte Platz mit der Zeit größer geworden ist.

Balligkeit des Schuhs

Ein weiterer Aspekt betrifft die Beschaffenheit moderner Schuhe im Vorfußbereich. Balligkeit und nachgiebige Sohlen können dazu beitragen, dass die mittleren Mittelfußköpfchen (2, 3 und 4) stärker einsinken. Langfristig kann dies funktionelle Veränderungen im Bereich des Vorfußes begünstigen und zur Entstehung eines Spreizfußes beitragen.

Die Geometrie der Schuhsohle

Neben der Schuhgröße und Balligkeit spielt auch die Geometrie der Schuhsohle eine Rolle. Bereits geringe Abweichungen von einer ebenen Aufstandsfläche können dazu führen, dass sich die Stellung des Fußes zur Erdoberfläche verändert. Dadurch wird das Gangbild beeinflusst, obwohl die Veränderung für die Trägerin oder den Träger meist kaum wahrnehmbar ist.

Diese veränderte Fußstellung kann sich auf die Körperstatik auswirken. Die daraus resultierenden Anpassungen entlang der myofaszialen Ketten beeinflussen die Muskelspannung und können funktionelle Störungen auch in weiter proximal gelegenen Körperregionen begünstigen. Diese Veränderungen lassen sich objektiv anhand eines speziellen Messparameters erfassen – dazu später mehr.

Ganganalyse unter Alltagsbedingungen

Die klassische Ganganalyse erfolgt häufig unter standardisierten Laborbedingungen. Im Alltag bewegen sich Menschen jedoch in unterschiedlichen Schuhen, auf wechselnden Untergründen und mit variierenden Belastungen. Das vorgestellte Analysesystem berücksichtigt diese Einflüsse durch eine mehrstufige Untersuchung unter realen Alltagsbedingungen.

Die digitale Ganganalyse von EVERSION beginnt mit einer strukturierten Anamnese. Erfasst werden unter anderem Schmerzlokalisation, Schmerzintensität und Beschwerdehäufigkeit sowie relevante Vorerkrankungen oder Operationen. Diese Informationen bilden die Grundlage für die spätere Interpretation der Messdaten.

Anschließend erfolgt die Bewegungsmessung mithilfe sensorgestützter Einlegesohlen. Diese werden über einen längeren Zeitraum im Alltag getragen und erfassen das Bewegungsverhalten in unterschiedlichen geschlossenen Schuhen. Im Gegensatz zu einer kurzen Untersuchung unter Laborbedingungen soll so ein möglichst repräsentatives Abbild des individuellen Gangbildes entstehen.

Die gewonnenen Messdaten werden anschließend ausgewertet und den dokumentierten Beschwerden gegenübergestellt. Ziel ist es, funktionelle Auffälligkeiten sichtbar zu machen und mögliche Zusammenhänge zwischen Gangbild und Beschwerdesymptomatik zu erkennen.

Mehr als eine klassische Druckmessung

Während etablierte Verfahren wie die Pedobarografie vor allem Druckverteilungen unter dem Fuß erfassen, verfolgt das vorgestellte Analysesystem einen anderen Ansatz. Im Mittelpunkt steht der externe Eversionswinkel. Er beschreibt die Abweichung der Ebene zwischen Fuß und Schuh gegenüber der horizontalen Erdoberfläche und soll Veränderungen der Fußstellung während des Gehens erfassen.

Neben dem externen Eversionswinkel werden weitere Gangparameter wie die Schrittrotation, die Stellung des Fußes während des Gehens und Stehens sowie weitere biomechanische Kenngrößen ausgewertet. Die Ergebnisse werden grafisch aufbereitet und durch Erläuterungen ergänzt, sodass sie sowohl für Fachleute als auch für Patientinnen und Patienten nachvollziehbar dargestellt werden können.

Durch die Kombination aus Anamnese und objektiven Bewegungsdaten soll eine differenziertere Beurteilung funktioneller Zusammenhänge ermöglicht werden. Die Messung dient dabei nicht ausschließlich der Dokumentation des Gangbildes, sondern bildet zugleich die Grundlage für eine individuell angepasste Versorgung.

Individuelle Korrektur

Auf Grundlage der Messergebnisse werden individuell angepasste Sohlen, sogenannte 0°-Sohlen, gefertigt. Anders als klassische orthopädische Einlagen, bei denen häufig die Unterstützung einzelner Fußgewölbe im Vordergrund steht, verfolgt das vorgestellte System das Ziel, den gemessenen externen Eversionswinkel auszugleichen. Nach diesem Ansatz soll dadurch eine möglichst neutrale Fußstellung im Schuh erreicht werden.

Die Korrektur erfolgt auf der Unterseite der Einlegesohle, während die Oberseite bewusst flach bleibt. Dadurch soll die natürliche Funktion der Fußmuskulatur erhalten bleiben und gleichzeitig die gemessene Fehlstellung ausgeglichen werden.

Wissenschaftliche Validierung

Zur Überprüfung des Messverfahrens wurden mehrere Validierungs- und Vergleichsstudien durchgeführt. Die Messgenauigkeit des Systems wurde an der Universität Konstanz anhand von mehr als 600 Messungen mit etablierten Verfahren der Ganganalyse verglichen.

Darüber hinaus wurde in einer Pilotstudie an der Technischen Universität München die Wirkung individuell angepasster Einlegesohlen auf Schmerzen und Lebensqualität untersucht. Nach den Ergebnissen der Pilotstudie zeigte sich innerhalb von vier Wochen eine signifikante Reduktion der Schmerzintensität.

In einer weiteren randomisierten Vergleichsstudie der Universität Konstanz wurden das vorgestellte System, klassische orthopädische Einlagen sowie Placebo-Einlagen miteinander verglichen. Nach den präsentierten Ergebnissen erreichten die individuell angepassten Einlegesohlen eine stärkere Schmerzreduktion als die Vergleichsgruppen. Gleichzeitig zeigte sich eine vergleichsweise gleichmäßige Verbesserung über verschiedene Körperregionen hinweg. Diese Ergebnisse werden derzeit durch weitere Untersuchungen ergänzt.

Fazit

Das vorgestellte Ganganalyse-System erweitert die klinische Untersuchung um objektive Informationen über das Bewegungsverhalten im Alltag. Durch die Kombination aus strukturierter Anamnese, sensorgestützter Bewegungsmessung und biomechanischer Auswertung können funktionelle Zusammenhänge sichtbar werden, die bei einer ausschließlich statischen Betrachtung des Fußes möglicherweise unentdeckt bleiben. Das vorgestellte Analysesystem verfolgt dabei einen ganzheitlichen Ansatz, der die Wechselwirkungen zwischen Schuhwerk, Gangbild und muskuloskelettalen Beschwerden in den Mittelpunkt stellt.

Auch in der podologischen Praxis können objektive Informationen zum Gangbild dazu beitragen, funktionelle Zusammenhänge besser zu verstehen. Sie ergänzen die klinische Beurteilung und können die Beratung von Patientinnen und Patienten sowie die interdisziplinäre Zusammenarbeit unterstützen.

Maximilian Starkmann, max@eversion.tech

Abbildung: EVERSION

Dieser Beitrag ist Teil der Ausgabe 09/26 der Zeitschrift Podologie.
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