Wie können Kinder mit Typ 1-Diabetes vor lebensgefährlichen Komplikationen wie der Ketoazidose geschützt werden? Wenn in Kinderarztpraxen, Kitas, Schulen und im Gesundheitsamt die Symptome von Diabetes an Eltern vermittelt werden, bringt das bereits viel, verdeutlichte der Kongress für Kinder- und Jugendmedizin in München (DGKJ 2019). Der Kinder-Diabetologe Dr. Martin Holder aus dem Olgahospital Stuttgart stellte die Kernergebnisse seiner Studie dazu vor.

Was ist eine Ketoazidose?

Bei der diabetischen Ketoazidose ist der Insulinmangel schuld daran, dass der Blutzuckerspiegel steigt, sich Ketonkörper im Blut anreichern und es übersäuern – bis die Patienten zusammenbrechen. Erste Symptome sind oft übermäßiger Durst, Übelkeit, Schwäche und Atemnot. Später riecht der Atem nach Aceton, wie Nagellackentferner. Unbehandelt fallen die Patienten ins Koma und sterben.

Augen auf noch vor der Diabetes-Diagnose

Noch immer wissen viele Eltern, aber auch Tagesmütter, Erzieher und Lehrerinnen nicht, dass schon Kleinkinder an Typ-1-Diabetes erkranken können – und das trotz gesunder Ernährung und Idealgewicht. Darum bekommen etwa 10 bis 20 Prozent der Kinder ihre Diabetes-Diagnose auch erst nach der ersten Ketoazidose in der Kinderklinik. ,,Kinder, bei denen diese schwere Stoffwechselentgleisung verhindert werden kann, sind viel besser zu therapieren“, betonte der Kinder-Diabetologe Dr. Martin Holder, Leitender Oberarzt am Olgahospital in Stuttgart. Um vorzubeugen, setzen er, sein Klinikteam und das Gesundheitsamt seit 2015 auf die Aufklärung mithilfe einfach verständlicher Plakate und Flyer.

Vier Leitsymptome – ab zum Arzt

Die Plakate und Flyer zeigen vier Piktogramme, die für typische Auffälligkeiten bei Diabetes mellitus Typ 1 stehen:

Das Plakat zur preisgekrönten Stuttgarter Ketoazidose-Präventionskampagne
  • ständiger Durst
  • häufiges Wasserlassen
  • stetige Müdigkeit
  • Gewichtsverlust

Sie finden sich seit 2015 im Wartezimmer des Gesundheitsamts in Stuttgart, in dem Familien auf die Einschulungsuntersuchung waren, sowie in Kinder- und Jugendarztpraxen, Schulen, Kitas und anderen Einrichtungen der Kindertagespflege.

Drei Jahre später in Stuttgart …

Der Mutter eines vierjährigen Mädchens, das zur Schuleingangsuntersuchung im Gesundheitsamt weilte, fiel das Plakat im Wartezimmer auf und sie sprach die Ärzte direkt darauf an, bei ihrer Tochter Diabetes zu vermuten. Das Mädchen kam sofort in Behandlung. 117 weitere Kinder aus Stuttgart bekamen zwischen 2015 und 2017 erstmals die Diagnose Diabetes mellitus Typ 1. Damit ist die Zahl der Stuttgarter Kinder, die im Dreijahreszeitraum diagnostiziert wurden, stabil geblieben zwischen 2011 und 2013 waren es 127.

Dr. Martin Holder

Gleichzeitig waren in den Jahren 2011 bis 2013, also vor Einführung der Kampagne, bei 36 Kindern (28%) Ketoazidosen aufgetreten. Im Jahr 2014 wurde die Kampagne vorbereitet. Zwischen 2015 und 2017, nachdem überall Plakate und Flyer über die Diabetessymptome informierten, gab es bei 19 Stuttgarter Kindern (16,1%) Ketoazidosen. ,,Der Anteil der diabetischen Ketoazidosen konnte signifikant gesenkt werden, darüber haben wir uns sehr, sehr gefreut“, berichtete Holder. „Die Kampagne wurde gut angenommen und hat zu keinem erhöhten Aufklärungsbedarf geführt.“ Es gab also keinen Ansturm übervorsichtiger Eltern, die ihre entweder durstigen oder müden Kinder auf Diabetes untersuchen lassen wollten.

Ein Modell für andere Städte?

Die Studie zur Aufklärungskampagne hat bereits einen Förderpreis gewonnen und es wird diskutiert, die Kampagne auszuweiten. So könnte auch im Rahmen normaler Vorsorgeuntersuchungen und/oder in anderen Städten und Landkreisen eine verständliche Info für Eltern und andere Betreuungspersonen über Typ-1-Diabetes eine größere Rolle spielen als bisher.